Die Enden des Blicks
by Christian Lehnert
Horizonte sind Grenzlinien der Erfahrung, die ein Hier und ein Dort, ein Diesseits und ein Jenseits erzeugen und den Raum des Lebens bestimmen. Christian Lehnerts neues Buch, Die Enden des Blicks , geht auf Horizonte zu, auf Grenzen der Wahrnehmung und der Existenz, versucht sie zu erkunden – jene Welten, die nur in der Vorstellung existieren und diese zugleich transzendieren, denn sie weisen auf etwas dahinter. Jenseits aber der Enden des Blicks, markiert durch die dürren Fakten von Geburt und Tod, was ist dort? Nichts? Das Ich dieses Buches, Jakob Hesychow, gerät im Versuch des Ausschreitens dieses »Dahinter«, träumend, imaginierend, selbst in eine Grenzlage. Vorübergehend ist er in ein altes Haus im Gebirge gezogen. Naturgänge und Alltagsarbeiten an dem alten Gehöft überlagern sich mit Kindheits- und Jugenderinnerungen aus einer Zeit der Diktatur, wo starke Jenseitshoffnung unter dem Begriff des Kommunismus das kindliche Bewusstsein bestimmten. Doch ist das Haus wirklich? Darf den Erinnerungen getraut werden? Und ist das fremde Kind, das eines Tages auftaucht und Trost sucht, nur ein Phantasma von Jakobs eigener vermissten Tochter? In ihrem Fortgang wird diese Prosa, wie die in ihr aufgehobenen religiösen Erzählungen, selbst zu einer Möglichkeitsform des Unmöglichen, zu einem radikal offenen Raum, in dem die beschränkenden Horizonte implodieren und der sich ins Jenseits weitet.